Donnerstag, 10. November 2011

Ist die Technik an allem schuld?

Als Informatiker wurde ich schon des Öfteren auf die Auswirkungen der Technik angesprochen. Einige Menschen sind dabei ganz fasziniert von den neuen Möglichkeiten, welche uns unter anderem durch das mobile Internet geschaffen werden.
Andere Menschen sehen in der Technik  etwas Böses – etwas, dass unsere Arbeitsplätze weg nimmt und das uns von ihr abhängig macht. Bisweilen fällt das Schlagwort „Sklaven der Technik“.
Ich möchte heute drei Punkte zur Sprache bringen, die mir wichtig sind:
  1. Technik und Automatisierung 
  2. Sind wir Sklaven der Technik?
  3. Ist Technik für das Übel der Welt verantwortlich?
Technik und Automatisierung
Oft wird gesagt, dass mit dem Beginn des Kapitalismus und der „neuen Epoche Dampfmaschine“ der Mensch durch die Technik verdrängt werden würde. Zunächst einmal handelt es sich dabei nicht bloß um Technik, sondern um die spezielle Form „Automatisierung“. Erst die Automatisierung ersetzt Menschenarbeit durch automatisch („selbstständig“) durchgeführte Arbeit.
Die erste Form der Automatisierung hat im Übrigen ca. 3500 Jahren v.Chr. in Form von Windmühlen bei den Sumerern stattgefunden. Später wurde im Jahre 1745  eine Mühle entwickelt, die sich selbstständig in den Wind dreht, sodass dafür nicht mehr die schweißtreibende Arbeit von mehreren Männern notwendig war.
Es ist somit nicht die Technik, welche den Menschen die Arbeitsplätze weg nimmt und für monotone Arbeit sorgt. Es ist die Automatisierung, welche die Arbeit dort ersetzt, wo sie nicht notwendigerweise vom Menschen verrichtet wird. So wie der Mensch seit jeher Werkzeuge entwickelt hat, welche ihm das Arbeiten vereinfachen (Faustkeil, Pflug, Traktor), so hat er stets versucht, die körperliche Arbeit zu verringern.
Die Automatisierung verstehe ich daher als die einzig mögliche Folge dieser Bestrebungen. Der Mensch sehnt sich nach Arbeitserleichterung – erst dass er arbeiten muss, um Geld zu bekommen, macht ihn zum Verlierer der Gesellschaft.
Es gibt Berufe, die sich (fast) vollständig automatisieren lassen und es gibt Berufe, bei denen wir uns das noch nicht so gut vorstellen können (Berufe mit einer besonderen kognitiven/kreativen Leistung). Damit entsteht eine Klassifizierung der Berufsbilder. Um eine Ungerechtigkeit zu vermeiden (alle müssen für das Gemeinwohl arbeiten), besteht die Pflicht zu arbeiten. Damit geraten aber Menschen in die Enge, sich auf Berufe mit nicht automatisierbaren Prozessen zu stürzen und dort auf lange Sicht für einen Engpass an verfügbaren freien Arbeitsplätzen zu sorgen.
Ich arbeite selbst in einem Automatisierungsunternehmen und habe im Laufe meines Berufs selbst schon öfters Software entwickelt, welche Mitarbeiterstellen reduziert, da deren Existenz anschließend keinerlei Berechtigung mehr hat. Niemand will fünf Menschen beschäftigen, die mit Eimern Wasser tragen, wenn ich einen beschäftigen kann, der einen Schlauch anschließt und das Wasser irgendwohin pumpen lässt.

Oft kommen hierbei Stimmen hoch, die auf die Naturvölker zeigen, oder generell auf Staaten, die sich noch im Anfangsstadium der Entwicklung befinden. „Dort funktioniert es doch auch!“. Nun ja – auch dort werden Werkzeuge verwendet. Auch dort findet Arbeitsteilung statt. Auch dort entwickeln sich die eingesetzten Technologien weiter. Bis zur vollständigen Automatisierung wird es sicher noch eine Weile dauern, aber bis dahin geht jedes Volk einen Schritt weiter in diese Richtung.

Sind wir Sklaven der Technik?

Ebenso höre ich oft das Statement, dass wir heute „Sklaven der Technik“ seien.
Ein Sklave ist jemand, der dazu gezwungen wird, für jemanden zu arbeiten. Diese Beziehung sehe ich in diesem Kontext nicht. Vielmehr sehe ich es so, dass wir eine Abhängigkeit von der Technik haben. Diese ist aber nicht erst „heute“ gegeben. So wie uns heute eine Abhängigkeit von Computern und computergestützten Systemen nachgesagt wird, so gab es dieselbe Abhängigkeit bei den frühen Formen der Menschheit. Da die Hand nicht ausreichte, um als Allgemeinwerkzeug den Bedarf des Menschen zu decken, wurden einfachste Werkzeuge wie Stöcke und Faustkeile verwendet, um die eigene Effektivität zu steigern.
Auch den (manchmal halb im Scherz) geäußerten Vergleich, dass wir die modernen Erscheinungsformen der Medien zwingend benötigen und daran die Technik Schuld sei, kann ich auch so nicht stehen lassen. Sicherlich kommt jeder Generation die Verwendung eines neuen Mediums seltsam vor. Dennoch drücken Portale wie Facebook & Co doch nur aus, dass wir Menschen ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung haben (das erscheint übrigens auch in der Maslowschen Bedürfnispyramide). Moderne Technologien heben die bereits vorhandenen Medien (Höhlenzeichnungen, Buchdruck etc.) nur auf ein anderes Level. Sind wir also Sklaven, wenn wir es gewohnt sind, Technik einzusetzen?

3.     Ist Technik für das Übel der Welt verantwortlich?
Auch dass Technik als Sündenbüßer für all das Übel in der Welt herhalten soll, erscheint mir etwas befremdlich. Ist eine Waffe etwas Böses? Oder derjenige, der diese Waffe mit einer bestimmten Intention erfindet oder einsetzt? Es ist der Mensch, der sich selbst zugrunde richtet, indem er nur in dem Jetzt lebt und nicht an die Folgen in der Zukunft denkt.
Die Osterinseln waren bspw. einst eine blühende Kulturstätte mit Wäldern – so lange bis die Menschen für den Bau von Wohnungen und Booten auch den letzten Baum geholzt haben.

Eine ähnliche Weitsicht beobachte ich auch jetzt – im Zeitalter der „hohen Technisierung“. Ist es also die Technik, welche die zunehmende Zerstörung der Umwelt zu verantworten hat? Ich betrachte Technik als ein Werkzeug. Ein Werkzeug, um unsere Ziele zu verwirklichen. Ein Werkzeug, dass sowohl inspirieren als auch zerstören kann – wie damit umgegangen wird, ist allein Sache des Anwenders.

1 Kommentare:

  1. Hallo Timo,

    ich gehe einfach direkt mal auf die einzelnen Punkte ein:

    zu 1)
    ich sehe die Problematik bei diesem Thema weniger in der Technik/der Automatisierung, als in der gesellschaftlichen Struktur bzw. dem Wertesystem einer Gesellschaft. Das beginnt schon bei dem abwertend verwendeten Begriff des "Arbeitslosen". Du hast geschrieben, dass sich der Mensch Arbeitserleichterung wünscht und dies die Motivation für Automatisierung ist. Das gilt m.E. jedoch nur für die ganz frühen Anfänge. Die treibende Kraft hinter der Automatisierung sind Gewinnoptimierungsbestrebungen, keine Arbeitserleichterungen. Wenn durch die Arbeit eines Menschen ein höherer Gewinn erzielt werden kann als durch eine Maschine (trotz eventueller Unbequemlichkeiten für den Ausführenden), dann hat diese Arbeitsstelle in unserem Wirtschaftssystem eine Berechtigung.

    Es darf auch nicht übersehen werden, dass Automatisierung in einigen Bereichen keinen nennenswerten bzw. gar keinen Einfluss hat (außer zur Optimierung organisatorischer Prozesse). Als Beispiel sei der soziale Bereich angeführt. Ebenso alle Berufsfelder die emotionale Intelligenz voraussetzen. Hier ist die Bedrohung durch Automatisierung also offenbar gering. Weitere Beispiele für solche Arbeit sind soziales Engagement, Kindererziehung, Altenpflege.

    In der Verdrängungs-Diskussion bezüglich Automatisierung spiegelt sich somit nur das Selbstverständnis einer Gesellschaft wieder, welche Berufe angesehen sind oder als nützlich und sinnvoll/wertvoll erachtet werden, bzw. wie die Werte generell ausgeprägt sind.

    Diese Diskussion wird im Übrigen auch sehr tiefgehend rund um das Thema des bedingungslosen Grundeinkommens geführt. Die Idealvorstellung wäre dort die Teilhabe aller Mitglieder einer Gesellschaft ohne Diskriminierung aufgrund ausgeführter oder nicht-ausgeführter Tätigkeiten. Ich denke dies sind interessante Themen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.

    zu 2)
    Der Begriff des "Sklaven der Technik" ist m.E. reiner Populismus. Dort wird mit den Ängsten von Menschen gespielt, die dem durch die Technik entstandenen, rasanten gesellschaftlichen Wandel skeptisch gegenüberstehen. Es ist wie du sagst: eine Abhängigkeit von Technik besteht seit jeher. Ich denke bei dieser Diskussion geht es im Kern auch eher um das Thema Sucht als um die Auswirkungen der Technik. Das Objekt einer Sucht ist austauschbar, die Verteufelung dessen also wenig zielführend.

    zu 3)
    Ich sehe das nicht ganz so einseitig. Als Forscher ist man sich zwar nicht zwangsläufig über jeden möglichen Einsatz der neuen Technik bewusst, aber dennoch in der Verantwortung möglichen Nutzen und Schaden abzuwägen. So ist die Entdeckung der Radioaktivität sicherlich erst mal wert-neutral, die Entwicklung der Atombombe hingegen nicht. Außer ich übersehe hier einen konstruktiven Einsatz dieser Waffe.

    Weiterhin ist allein die Verfügbarkeit einer solchen Waffe (um bei dem Beispiel zu bleiben) negativ zu bewerten. Wenn die Verfügbarkeit einer Sache primär negative Handlungen induziert, ist die Zuweisung von Schuld m.E. nicht so einfach.

    EDIT: Dazu kann als aktuelles Beispiel auch die Diskussion um den Einsatz von Pfeffer-Sprays bei der OWS Demo an dem UC Davis herhalten. Oder der Einsatz von Tasern. Die Schuld trägt hier sicherlich nicht allein der ausführende Polizist. Das ist ein Resultat von Entscheidungen vieler Menschen aus unterschiedlichen Bereichen.

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